Franks Uganda-Tagebuch

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Hier die Uganda-Abenteuer von Frank Bonkowski. Weitere Infos, Bilder und Updates des Teams gibt es auf nichtegal.blogspot.com. Die Sache finanziell unterstützen kann man auf www.global-care.de/spenden.

Baucamp 2008 Kampala / Uganda


Sonntag, 30. März
Abschied

Heute teilen wir uns noch einmal auf drei Gemeinden auf. Ich bekomme meinen Wunsch und darf in der Gemeinde predigen, die sich in der Naomi Froese Schule trifft. Dort habe ich persönlich die meisten Freundschaften geschlossen und ich habe den Lehrern Steven und Joseph versprochen, dass ich alles versuchen werde, sie noch einmal zu sehen.

Coole Gemeinde dort. Schätzungsweise 200 Kinder und vielleicht 30 Erwachsene quetschen sich, tanzend, singend, feiernd in den kleinen geschmückten Schulraum. Ich sitze neben Tim Stevenson, dem coolen Missionar, fast immer in Jeans und Cowboyboots. „Stell dir mal vor, jemand würde einen Afrikaner zwingen, etwas zu singen, ohne, dass er sich dabei bewegen darf.“ Ich tippe auf die vier etwas rundlichen Frauen, die gleich „Amazing Grace“ vortragen werden aber selbst bei diesem vergleichsweise ruhigen Lied bleiben die Füße und Hüften ständig in Bewegung.

Während ich beim Singen und Predigen noch voll in meinem Element bin, komme ich an meine Grenzen, als sich danach eine riesige Schlange bildet, mit denen ich, mit Hilfe meines Übersetzers, Steven, persönlich für alle möglichen Dinge beten soll. Da stehe ich also, verstehe, wegen des gleichzeitigen Gesangs, mein eigenes Wort nicht und bete gegen Krankheit, für mehr Glauben, Schulplätze für die Kinder und komme mir beim Gebet gegen Armut, für ein Dach über dem Kopf, wie ein mieser Heuchler vor, weil ich die Monatsmiete für eine kleine Hütte, vom Kleingeld in meiner Hosentasche bezahlen könnte.

Nach dem letzten Amen und unzähligen Umarmungen springe ich dann doch irgendwann in den Kleinbus, der schon langsam losrollt. Ich bin irgendwie genervt, als sich jemand mit mir im Bus unterhalten will, am liebsten würde ich jetzt total alleine sein und erst mal mit meinen Gedanken und Gefühlen alleine sein möchte. Irgendwie kann ich mich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass das alles hier jetzt erst mal vorbei ist.

Nach dem langen Abschied von Colleen und Tim, den Missionaren und Sozialarbeitern, die hier soviel gutes tun, über hundert Schulen und noch mehr Kirchen gegründet haben und aufrecht erhalten, dann die Fahrt zum Flughafen. Irgendwann werden die Strassen dann tatsächlich befahrbar. Hier, wo Touristen und Ausländer vorbeikommen, soll es gut aussehen. Hier gibt es Golf und Country Clubs. Und auch komisch, dass Gegenden, die einem bei der Hinfahrt noch ärmlich und dreckig vorgekommen sind, jetzt, nur drei Wochen später, als sauber und gepflegt scheinen.

Nach zwei Stunden Flug noch einmal Pause in Äthiopien. Auch eines der ärmsten Länder der Welt, mit einem super Flughafen und einem der teuersten Hotels der Welt. Wer kommt hierher, als Tourist?

Nach noch einmal 7 ½ Stunden Flug landen wir in Frankfurt. Einige aus unserem Team träumen schon von der ersten Pizza, den Brötchen, dem Schaumbad. Ich vermisse meine Familie und irgendwie auch schon jetzt Uganda!

Frage: Hat mich die Erfahrung jetzt tatsächlich verändert? Ich wollte ja sogar Gott finden? Ideen für Projekte habe ich ohne Ende! Zum Fazit bin ich aber noch zu müde!


Samstag, 29. März
Shoppen

Heute war nur noch Shoppen angesagt und wir sind in ein paar Touristenfallen gefahren worden, um noch ein paar typische ugandische Geschenke einzukaufen. Alles ein bisschen langweilig aber irgendwie auch mal dran.

Am Abend dann doch noch ein bisschen Aufregung. Mit Jeff, Audrey und Thomas und dem einen Ugandischen Mitarbeiter Thomas hier, den wir überreden können mit uns in eine richtige Kneipe hier zu gehen. Bis jetzt sind wir drei Wochen lang behütet gewesen, eigentlich nie im richtig Leben. In der Kneipe, wurden wir gewarnt, kannst du als Weißer doch schon mal ein Messer im Rücken haben. Und vielleicht ist genau das der Charme.

Wir sitzen also mit über 100 Männern, als einzige Weiße, in einem dunklen Raum, der nur von einem Fernsehen erhellt wird, auf dem Arsenal gegen Bolton gezeigt wird.

Jede gelungene Aktion wird wild beklatscht und diskutiert. Stimmung ist hier eigentlich immer. Wir freunden uns mit einem Afrikaner an der uns überredet Ugandischen Wodka zu probieren. Um das ganze kurz zu machen, wir sind weder blind geworden, noch hat uns jemand ein Messer in den Rücken gesteckt. Es war einfach mal gut, so richtig, unbehütet, unter Einheimischen zu sein.

Morgen noch ein Afrikanischer Gottesdienst und dann ab in den Flieger!

Fazit: Ich darf auf keinen Fall vergessen, mich heute Abend mit Colleen zusammenzusetzen, um mögliche Hilfsprojekte zu besprechen. Es gibt so viel zu tun, wichtig ist eben, dass man irgendwo gezielt anfängt.


Freitag, 28. März
Die Stärken und Schwächen der Ugandischen Schule

Mit einem Rumpfteam waren wir heute noch mal in Kazub i. Am morgen ist für mich Musikunterricht an der Elementary School (1-7. Klasse), also mit den Kleinen angesagt. Der Rektor begrüßt mich und Audrey herzlich und erzählt, dass wir dem Schulchor etwas beibringen sollen. Nach jedem Lied frage ich, ob wir Zeit für noch eins haben, bis mir irgendwann erzählt wird, dass eigentlich erwartet wird, dass wir die knapp drei Stunden bis zum Mittagessen komplett gestallten. So läuft die Vorbereitung hier eigentlich immer. Wer unflexibel ist, der geht hier unter!

Dann erleben wir d die Stärke der Ugandischen Schule. Mensch können diese Kids hier auswendig lernen. Ohne irgendwelche Beamer oder Liedzettel und ganz ohne Computer oder Soundanlage haben die Kids nach drei Stunden zehn neue Lieder komplett drauf, inklusive Text, Bewegungen, Tanzeinlagen. Das kann im Westen keiner mehr. Ganz zu schweigen von der Begeisterung, der Disziplin, der Lebensfreude, die immer wieder rüberkommt. Und wenn du auch noch ausdrucksstark Geschichten erzählen kannst und Spaß hast, dann hast du hier gewonnen.

Am Ende kriegen wir zur Belohnung noch einmal drei Chorlieder vorgesungen und vorgetanzt und sinken erschöpft in unsere Mittagsstühle.

Dann etwas ganz anderes! Ich habe gefragt, ob ich am Nachmittag, in der Highschool, bei den Großen, ein Leadership und Teamwork stunde gestallten darf. Irgendwann erfahre ich dass in einer riesigen Halle, in der nebenbei auch noch gestrichen wird schon zwei Klassengänge seid 20 Minuten geduldig auf mich warten. Geduldig Warten ist hier auch gefragt. Wer das nicht lernt, kriegt einen Herzinfarkt.

Hier wird mir wenigstens gleich zu Beginn gesagt, dass ich die nächsten 2 Œ Stunden dran bin. Also hab ich eine knappe Minute, um mich darauf einzustellen. Hier muss ich also nicht ganz so flexibel sein. Was dann folgt ist spannend. Ich erkläre den Schülern, dass Kopfwissen wichtig aber eben nicht alles ist und Dinge, wie Teamwork, Kreativität, Delegieren durchaus wertvoll sind, wenn sie Uganda verantwortlich verbessern wollen.

Dann kreiere ich Probleme, die sie gemeinschaftlich und so kreativ, wie möglich gelöst werden müssen. Und dann erfahre ich die Grenzen des Ugandischen Schulsystems, dass eben hauptsächlich auf Nachmachen und Auswendiglernen ausgerichtet ist. Gruppen von je 12 Schülern sollen mit so wenig Bodenkontakte, wie möglich auskommen. Die erste Gruppe hat die Schnapsidee, alle bei einem Kollegen gleichzeitig auf den Fuß zu steigen und fallen dabei um. Anscheinend nicht die beste Idee.

Die nächste Gruppe kopiert das Ganze und fällt auch um, und so weiter und so weiter. Kopieren – Eins, Kreativität – Sechs, Setzen!

Nach ganz vielen Aktionen kommen wir doch noch zu unterschiedlichen Ansatzmöglichkeiten aber gut, dass den Afrikanischen Schülern nach all dem Schwärmen doch mal ein bisschen die Grenzen gezeigt worden sind.

Ich werde von den Schülern übrigens immer Master Frank genannt! Cool, werde ich jetzt zu Hause auch mal von meinen Kindern einführen.

Noch ein paar interessante subjektive Fakten, die mir aufgefallen sind:

  • Du siehst hier überall die Arbeit von kleineren Hilfswerken. Von den großen siehst du überhaupt nichts. Mir wird erklärt, dass die eben mit korrupten Politikern zusammenarbeiten müssen.
  • Ich meckere oft über die Nutzlosigkeit von Kirchen und Christen, die sich hauptsächlich, um sich selber drehen und unterhalten und bedient werden wollen. Ich glaub ich darf das, weil ich selber einer von denen bin! Hier sieht man überraschend viel richtig gute Arbeit von den christlichen Kirchen. Macht einen dann doch stolz dazuzugehören!
  • Es gibt in ganz Kampala kein vernünftiges Toilettensystem. 200 Familien (die haben hier oft 10 Kinder) benutzen durchschnittlich ein Loch. Keiner hat eine Antwort, wie man das Problem lösen kann! Mein Bruder Holger ist Klempnermeister, vielleicht weiß der ja was?

Frage des Tages: Wir haben heute diskutiert, welche Impfungen ich alle vergessen habe. Dabei ist mit eingefallen, dass ich gestern rund 500 dreckige Hände geschüttelt habe. Zur Erinnerung: Nase popeln ist hier höfflich! Dann hab ich ohne die Hände zu waschen Afrikanische Erdnüsse gegessen. Welche Impfung habe ich jetzt vergessen und was für eine Krankheit sollte ich jetzt theoretisch bekommen?


Mittwoch, Donnerstag, 26.& 27. März
Das Dorf

Unsere 7 Stundentour, um in einem Dorf, mitten im Urwald, ein Dach auf eine Kirche zu setzten fällt voll ins Wasser. Es hatte alles so schön angefangen, nettes Essen im Dunkeln, was wäre ein Afrikanischer Abend ohne Reis und Bohnen, gute Gespräche, zwei Stunden Whiskey trinken mit Jeff, dem Schotten und Thomas im Zelt und dann fängt der Regen an und unsere Zelte schwimmen weg, in der braunen Soße der mal Lehmboden war. Dazu noch zwei freundliche Kakerlaken und die Nacht ist hin.

Am nächsten Morgen machen wir noch ein bisschen Musik in der anliegenden Schule. Die Schule ist ein Gemeinschaftsprojekt vom Kinderhilfswerk Global Care, mit denen wir zusammenarbeiten und Compassion International.

947 Schüler, verteilt auf SIEBEN Klassen. Die Jüngeren sitzen auf dem Steinboden.

Unsere erste Klasse (3) besteht aus 212 Schülern, in einem Raum der kleiner ist als ein typischer Klassenraum in Deutschland. Direkt daneben noch die 4. Klasse mit 196 Schülern, nur durch eine halbhohe Mauer getrennt. Wir versuchen also 400 Schülern, die alle kein Englisch können, durch unseren Übersetzer, gleichzeitig etwas beizubringen, während der Regen auf das Blechdach trommelt.

Nach dem Mittagessen entscheiden wir uns einen Bus vorzeitig nach Hause zu schicken; der Regen hört einfach nicht auf. Unsere Handwerker bleiben und hauen tapfer die Dachplatten auf die Kirche, während wir 12 anderen uns in den Kleinbus zwängen, um morgen an der Kazubi Schule noch ein paar Dinge zu machen.

14 Stunden Fahrt für ein paar Stunden im Dorf. Trotzdem viele interessante Eindrücke:

  • Als wir ins Dorf laufen werden wir, wie eigentlich immer, von Kindern begleitet. Audrey hat ein paar Luftballons dabei und als wir die aufblasen und in die Menge schmeißen, haben gerade die Jungs einen Heidenspaß die Dinger zum platzen zu bringen. Ich weiß nicht genau warum aber ich drücke einem kleinen Mädchen, dass mir die Hände entgegenstreckt, einen rosa Ballon in die Hand, und als die Jungs ihn wegnehmen wollen nehme ich die Kleine in den Arm. Jetzt hält sie den ganzen Rückweg über fest meine Hand und ich scheine einen ganz guten Bodyguard abzugeben.
  • Wir staunen immer wieder über Verhaltensweisen, die wir nicht einordnen können. Ältere Schüler laufen mit Ruten hinter kleineren Kindern hinterher, hauen sie, um sie in die Klassen zu treiben!
  • Es ist nicht unüblich, dass Kinder die ohne Schuhe zur Schule kommen, dafür geprügelt werden!
  • Selbst kleine Kinder sind die Härte gewöhnt und weinen kaum!
  • Ich versuche ein Mädchen dazu zu bringen, mir beizubringen, wie man Dinge auf dem Kopf balanciert, so wie es hier fast alle Mädchen können. Sie kann es kaum fassen, wie ungeschickt ich mich anstelle. Balancieren ist voll schwer!
  • Wenn mehr als ein Stab aus einer Lehmhütte herausragen, beschreiben die extra Stäbe, die Anzahl von Ehefrauen, des Hüttenbesitzers.
  • Auf dem Nachhauseweg kriegen wir dann ein paar Affen vor die Kamera. Immer gut fürs Gemüt, auch bei anhaltendem Regen, der unsere Fahrt zum Abenteuer macht!

Fazit: Ich habe noch ein paar Fragen offen!


Dienstag 25. März
Uganda – Deutschland 4:6 n.V.

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Der bisher wahrscheinlich emotionalste Tag für unsere Gruppe. Heute heißt es „Good bye“ sagen zu den Schülern und Lehrern der Naomi Froese Schule. Davor geht es aber noch einmal richtig ab. Also der Reihe nach: Ich durfte in insgesamt drei Klassen dabei sein – zweimal als Musiker und dann um mit der 7. Klasse über Sex zu reden. Wie gesagt, konservative Statistiken reden von 25% infizierten Menschen in diesem Land.

Die Leiterin des T.A.P.P. Aids Programms hier, Nora, erzählt die typische Geschichte so. Junges Mädchen liebt ihren Freund und ist prinzipiell treu. Irgendwann kommt aber ein etwas reicherer „Sugardaddy“ an und bietet Kleidung, Essen, o.ä. und bei der Armut ist die Versuchung natürlich riesengroß. Der gute Daddy hat wahrscheinlich schon ein paar Frauen oder Geliebte und evtl. eben den Aidsvirus. Dass alte Männer sich hier junge Mädchen halten, ist durchaus normal und akzeptiert, obwohl die Regierung hier versucht dagegen zu werben.

Steckt er das Mädchen an, wird sie vom Verlobten und Familie verlassen. Ihr Besitz geht an die Familie des Verlobten und sie muss völlig verarmt mit der Krankheit leben und oft scheint der Ausweg in die Prostitution der einzige Ausweg. Und der Virus kreist weiter.
Das größte Problem ist: keiner, besonders nicht die Männer, redet drüber.

So auch die Kinder in meiner Klasse. Auf die frage ob jemand einen kennt, der unter Aids leidet kommt keine Resonanz, obwohl hier einige Aidswaisen in der Klasse sitzen.

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Am späten Nachmittag steigt dann das irre Uganda – Deutschland Spiel auf dem neuen Fußballplatz. Zwei Stunden lang gibt es Trommeln, Gitarren, Jubelgesänge, mindestens genau so viele Germany Rufe, wie Uganda Schreie. Nach jeder guten Aktion rennen 100 Kinder auf den Platz. Absoluter Wahnsinn!
Der beste Stürmer des Uganda Teams spielt übrigens nur mit einem Schuh aber mit dem hat er einen richtigen Hammer.
Nach dem Spiel ist nur noch feiern angesagt, wir tanzen, singen, teilen Geschenke aus, tanzen die Polonäse, beten, singen und tanzen wieder. Einfach nur emotional und schön!

Ein paar Höhepunkte für mich: Ein kleiner Junge, Gottfried, rennt mir seit Tagen lächelnd hinterher und erzählt mir, dass er meinen Sohn Lukas lieb gewonnen hat und ich ihn unbedingt grüßen und ihm sagen soll, dass er jeden Tag für ihn betet. Ich hatte Gottfried in der ersten Woche mal bei einer Geschichte nach vorne geholt und er musste darin meinen Sohn Lukas spielen.

Mein Sohn hatte mir sein Podolski Nationalmannschaftstrikot für einen afrikanischen Jungen mitgegeben und heute Abend wird es überreicht.
Irgendwann stehe ich mit meinen Freunden Steven und Joseph Arm in Arm in einer Ecke, alle haben wir Tränen in den Augen und wünschen uns, dass der Moment des Abschiednehmens niemals kommt.

Aber irgendwann sitzen wir dann doch im Auto. Morgen geht es in eins der Dörfer, wo wir ein Dach auf eine Kirche packen sollen. Eventuell treffen wir dort eins der Krokodile wieder, das vor ein paar Wochen einen der Arbeiter gegessen hat.

Frage: Wenn mir jetzt schon jeder Knochen wehtut, was passiert dann morgen erst auf der 6-Stunden Autofahrt über die 387 Schlaglöcher und Bodenwellen?


Montag, 24. März
Weltfußball

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Endlich hat es aufgehört zu regnen. Vergesse natürlich gleich mich einzucremen, was man in diesen Gefilden tun sollte und werde es später noch bereuen.

Ziel des Tages: Wir wollen heute ein Fußballfeld einrichten. Einen Platz so gut wie möglich begradigen, entsteinen, entknüppeln und heute soll es tatsächlich klappen ein paar Stahlrohre geschweißt zu bekommen. Wir stecken also ein Feld ab, mit Eckpfeilern und Bändern und sind plötzlich von 50 Kindern umzingelt, die eigentlich schulfrei haben aber unbedingt helfen wollen. Am Nachmittag bricht das erste Spiel aus, noch ohne Tore, keiner kann den Schweißer finden.

Die Schüler spielen ähnlich wie die afrikanischen Teams bei der Weltmeisterschaft: klasse Ballgefühl, jeder versucht von überall das Tor zu treffen, nur Pässe sieht man nicht so häufig. Aber irre Spaß haben wir, weil die Zuschauer nach jeder gelungenen Aktion das Feld stürmen.

Dann kommt irgendwann das Gerücht, dass die 3,20 m weiten Tore innerhalb der nächsten Stunde hier sein sollen. Also los ans Beton mischen, Messen, Löcher buddeln. Und dann warten! War wohl eine afrikanische Stunde.

Mein Freund Steven holt das Bild von seiner Freundin nach dem ich ihn seid Tagen gefragt habe. Nach dicken Komplimenten stelle ich die Frage, wie viele Kühe er denn wahrscheinlich für sie aufbringen muss. „Vier“ werden es wohl schon sein müssen, um den Vater seine Ehrerbietung zu zeigen „und mindestens eine davon muss bis zur Verlobungsfeier gekauft sein!“ So eine Kuh kostet hier übrigens, je nach Güteklasse, 100 bis 200 Euro. Für Steven, der aus richtig armen Verhältnissen kommt und als einziges von sechs Kindern studieren durfte, ein Vermögen. Darf man einem Freund anbieten, ihm eine Kuh für einen „Frauenkauf“ auszugeben?

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Kurz vor Dunkelheit tauchen unter lauten Jubelschreien die Tore auf. Und irgendwie schaffen wir es die Dinger voll gerade einzubetonieren. Jetzt liegt es an den Lehrern, dass sich in den nächsten Stunden keine Schüler dran hängen.

Morgen soll nämlich zur Eröffnung des Fußballplatzes offiziell Uganda gegen unser Deutsches Team spielen. Jetzt suchen wir krampfhaft nach Trikots und Hosen und morgen geht hier die Post ab.

Fazit: Wenn es in der Kirche hier schon besser abgeht, als in den meisten deutschen Fußballstadien, was passiert dann erst morgen hier, wenn wir den neuen Fußballplatz einweihen?

Frage: Ich finde die Sitte ja auch fürchterlich sich eine Frau quasi zu kaufen; aber wenn du müsstest, wie viele Kühe würdest du für deine Frau bezahlen?


Ostersonntag, 23. März
Regen

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Frage: “Wie lange wird die Fahrt heute ungefähr dauern?”

Afrikanische Antwort: “So knapp 40 Minuten!”

Nach knapp 75 Minuten auf unserer 90-minütigen Fahrt zu einem der drei Gottesdienste in dem Dorf, hat unser Team ein interessantes Erlebnis. Wir werden von einem grimmigen Polizisten angehalten, was hier in Uganda immer ein Erlebnis zu sein scheint. “Wisst ihr welchen Tag wir heute haben?” “Klar, Ostern!” “Was ist denn Ostern passiert?” “Jesus war ist von den Toten auferstanden!” “Stimmt genau! Ihr könnt weiterfahren!”

Was war das denn?

Dann der Gottesdienst auf dem Land. Hier spricht kaum einer Englisch, aber das tut der Verständigung keinen Abbruch. Jesus lebt, Liebe triumphiert über Gewalt und Machtgehabe und das muss ausführlich gefeiert werden. In unserem Fall drei Stunden lang, ein anderes Team war mit fünf dabei! Hier ist Stimmung! Selbst der laute, einsetzende Regen und die damit verbundene Dunkelheit (Elektrizität gibt es hier nicht) kann das bunte Treiben nicht verhindern!

Gegen drei Uhr: Mittagessen bei einem der Pastoren hier. Knapp 40 Leute in seinem kleinen Wohnzimmer bei Ziege und Huhn in Bananenblättern.

Der Regen wird immer dichter, die roten Sandstraßen werden zu Rutschbahnen, die Schlaglöcher werden zu Bächen, aber irgendwie steuert unser Fahrer Moses uns nach Hause. Ich bin einfach nur platt aber bis morgen früh um 9:00 steht nichts auf dem Programm.

Frage: Während ich hier ein bisschen genervt auf dem Sofa liege, prasselt draußen der Regen auf dunklen, undichten Hütten meiner neuen Freunde Joseph und Steven und all der verlassenen aidskranken Frauen und Kinder. Ich frage mich, wie die mit der Nässe und Kälte klarkommen!


Samstag, 22. März
8 Stunden im Musikerhimmel

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Heute hatten wir unser Musikseminar mit knapp 60 der besten Musiker aus der Gegend. Rolf, Werner und ich geben einiges an Unterricht aber es gibt drei absolute Highlights.

  1. Die Freude, die Lautstärke, die Harmonien beim Singen bringen für mich ein Stück Himmel auf die Erde!
  2. Die Afrikaner haben einen total anderen Musikstil als wir Europäer. In Uganda kennt man z.B. kein Moll. Musik hier ist halt immer fröhlich! Am Nachmittag teilen wir uns in vier Gruppen auf, mit der Aufgabe ein typisch westliches Lied (“I could sing of your love forever” von Delirious) zu “afrikanisieren”. Beim abschließenden Vorführwettbewerb geht die Post ab. Selbst Fehler (und davon gab es kaum welche) werden frenetisch beklatscht und bejubelt. Wir erleben hier nur die Mischung aus afrikanischer und westlicher Musik. Stell dir mal vor, wenn da noch ein paar Nationen dazukommen? Wie im Himmel? Wir haben das ganze übrigens gefilmt und Ausschnitte werden in zwei Wochen im Gottesdienst zu sehen sein.
  3. Eine Busladung von der Naomi Froese Schule ist übrigens auch dabei. Der kleine Chor, mit dem mein Freund Joseph fast jeden Abend Musik macht und komponiert. Sie sind bei weitem die jüngsten Musiker hier und stolz wie Oskar.

Am Abend Sitze ich mit Rolf und Colleen, der Missionarin hier, zusammen und wir träumen. Was könnten Musikcamps hier bewirken? Viele dieser begabten Topschüler bekommen nach der Schule keine Ausbildung und viele enden selbst dann noch auf der Straße oder werden in die Prostitution gezwungen, erzählt Colleen. Was wäre, wenn wir jedes Jahr eine Handvoll durch ein Universitätsstudium sponsern würden?

Wie könnte es aussehen, gute Jobs zu schaffen? Ein Musikstudio, Übungsräume, Produktion, gute Musik, Podcasts, CDs aus Uganda? Das Können haben sie!

Frage: Wie wird aus Träumen Realität?


Karfreitag, 21. März

Wir waren heute wieder an der Kasubi Highschool. Rolf, Werner und ich haben uns auf das Musikseminar morgen vorbereitet. Zwischendurch haben wir immer wieder die Chance mit den afrikanischen Musikern zu spielen. Wenn meine Frau das liest, wird sie voll neidisch! Sollte sie auch, das war irre.

Bewegender Karfreitaggottesdienst am Nachmittag. Ich weiß gar nicht unbedingt warum aber es ist schon ein tolles Gefühl, als einziger Weißer zwischen ganz vielen afrikanischen Kindern, Brot und Wein, die Symbole, die uns daran erinnern, dass Gott diese Vielfalt von Menschen über alles liebt und für absolut jeden von uns sein Leben gegeben hat.

Diese Gemeinde feiert außerdem die Geschichte aus der Jesusbiographie des Johannes, wo Jesus sich wie ein Sklave hinkniete und seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Wieder diese schöne Idee, dass keiner über einem anderen steht und das Leiten darin besteht, den Menschen um uns herum zu dienen anstatt sie für unseren Vorteil auszunutzen.

Auf einmal rennen hier also ganz viele Kids mit Wasserschüsseln herum und wir waschen uns gegenseitig die Füße und sprechen uns Würde zu. Ungewöhnlich, mir war erst ein bisschen mulmig aber irgendwie sehr schön, symbolhaft und wichtig.

Fazit vom Karfreitag: Jesus hat tatsächlich geglaubt, dass wir alle gleich sind! Hoffentlich lerne ich irgendwann, dass ich nicht doch ein bisschen gleicher bin als so ein paar andere!


Donnerstag, 20. März
Musik

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Heute gab es ganz viel Mucke! Wir haben heute die Schule in Kasubi besucht, wo es einiges an Musikvorträgen gab. Kasubi hat nicht nur über 450 Kinder von Kindergarten, bis zur siebten Klasse, sondern dazu auch noch eine Highschool mit 160 Kindern.

Die Hauptperformance kam von dem gleichen Chor, Tanzgruppe, Band, die ab und zu auch in Deutschland Auftritte hat, um Aufmerksamkeit für die Not und eben Lebensfreude und ganz viel musikalisches Talent mitzuteilen.

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Der afrikanische Musikstil hat meistens einen Vorsänger, Anheizer, was gerade bei den kleinen immer total witzig ist. Bei der Highschooltruppe in Kasubi heißt der Anheizer Hanson und der könnte es mit jedem Musikprofi in der westlichen Welt aufnehmen. Nach ein paar Minuten rockt, klatscht, tanzt der ganze Saal.

Dazwischen moderne Stammestänze, Gospel – der pure Wahnsinn.

Die meisten Nummern sind von Hanson, einem 19-jährigen Schüler arrangiert. Und immer wieder im Hinterkopf: am Samstag sollen Rolf, Werner und ich u.a. diesen Musikern ein ganztägiges Musikseminar bieten.

Am Nachmittag machen Rolf und ich wieder Musikunterricht und werden vom Direktor als “Quelle der Weisheit über westliche Musik” vorgestellt. Vom Wahrheitsgehalt eher grenzwertig aber unsere Stunden werden immer besser und es macht einfach Spaß mit den Kids zu singen, allen mal eine Gitarre hinzuhalten und den berühmten UmpaChakka-Rhythmus ausprobieren zu lassen.

Nach der Klasse werde ich draußen von Hanson gestoppt. Er war schon zweimal mit seinem Chor in Deutschland und u.a. eben auch in meiner Heimatstadt Bad Segeberg. Er erzählt, wie Musik in ihm entsteht und wie gerne er eines Tages seine Musik zum Beruf machen würde. Und er träumt davon westliche und afrikanische Einflüsse zu mischen. Nach ein paar Minuten denke ich, ich rede hier mit meiner Frau, obwohl die natürlich viel besser aussieht als Hanson. Fast das gleiche Vokabular und die gleiche Begeisterung. Und beide, so erfahre ich hinterher, können kein Mathe.

Ob Hanson übrigens weitermachen kann, wird nicht an seinem Talent oder seiner fehlenden Mathematik sondern vor allem an der fehlenden finanziellen Unterstützung scheitern. Einen Schüler zu sponsern kostet 30 Euro, einen Universitätsstudenten 90.

Und Hanson ist arm. Wie bei fast allen Geschichten hier ist der Vater längst aus dem Bild und er und seine Mutter essen oft einfach nicht. Das Bild des hungernden Künstlers hat hier eine ganz andere Bedeutung.

Am Abend, wie so oft, die Diskussion, wie man am besten helfen könnte. Und wie immer schießen wir Fragen an die Experten vor Ort: Colleen und Tim.

“Wenn wir Hanson ein Auslandsstudium ermöglichen könnten, um seinen Traum zu erfüllen, welche Auswirkungen hätte das auf seine Mutter? Würde er überhaupt in Europa oder Amerika zurechtkommen ohne verheizt zu werden? Würde ein weiterer talentierter Mensch Uganda verloren gehen?”

Es gibt kaum Ideen für die Schüler aus der Highschool innovative Karrieren anzufangen. Eine Idee ist es hier ein Kunstcenter einzurichten, komplett mit Recordingstudio, Übungsräumen usw.

Wo fängt man an?

Jeff und ich haben uns gerade für einen Fußballplatz an der Naomi Froese Schule eingesetzt. Heute an der Schule in Kasubi merken wir, dass es überall an Betten für die Kinder fehlt. Was würden eine Handvoll dieser Dreierbetten kosten, damit jedes Mädchen eins bekommt? Bob, unser Amerikaner, würde gerne jeweils einen Spiegel in die Mädchenzimmer packen.

Etwas ganz besonderes zum Ende des Tages. Ich darf Irene, der Patentochter meiner Schwester Sonja, ihr Geschenk überreichen. Irene war eine der Schulsprecherinnen auf der Naomi Froese Schule, jetzt ist sie hier auf der viel größeren Highschool gerade angekommen und noch total überwältigt. Total schöner Moment, als sie das Oberteil auspackt und ein richtig leises fröhliches Jauchzen herauskommt. Gut ausgesucht, Sonja. War richtig schön hier Patenonkel zu spielen.

Fazit: Selbst wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, wirken unsere kleinen Brote und Fische trotzdem Wunder und verändern irgendwie die Welt!


Montag bis Mittwoch, 17-19. März
SAFARI

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Eben waren wir noch Sozialarbeiter, mit großen Herzen für Afrika, ab heute sind wir Touristen auf Safari.

Unglaublich, wie schnell sich die Einstellung ändert. Gestern blutet noch das Herz für die Armen, du schwörst du würdest alles tun, wenn du irgendwie helfen könntest; heute sind wir sauer über die Bedienung, die unsere Bestellung nicht auf die Reihe bekommt, sind genervt, weil unsere Zimmer keine Duschen haben und sogar ein bisschen sauer, das unserer Fahrer uns nicht die richtigen Tiere vor die Kamera bringt.

Die Dunkelheit, den Egoismus, den man für das Leid der Welt verantwortlich macht, beginnt leider immer in mir. Die Hoffnung, dass der Held, der die Welt verändern will aber am Ende gewinnt, stirbt zuletzt!

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Die Safari war einfach unglaublich. Löwen, Elefanten, Giraffen, Büffel, Krokodile, Rhinozeros, Nilpferde, alles dabei.

Unser Fahrer Badru findet es witzig, dass ich unbedingt Affen fotografieren will. Endlich sitzt da so ein alter Affe, glotzt mich gelangweilt an und winkt tatsächlich zurück, als ich ihm mein “Good Bye and Thank You” zurufe. Höflich ist der Typ auch noch.

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Heute erlaubt mir Badru aus dem Geländewagen auszusteigen und ich kann eine Giraffe fast streicheln. Bei den Elefanten trau ich mich nicht ganz so nah ran nachdem unser Fahrer eine Horrorstory von einem Touristen erzählt, der zwischen Elefantenbaby und Elefantenmama gekommen ist.

Immer wieder beeindruckend ist trotzdem der absolute Frieden und die Stille, die hier in der Savanne herrschen sobald wir den Motor ausschalten. All die Büffel und Löwen und Antilopen scheinen trotz ihrer unterschiedlichen Essgewohnheiten doch miteinander klarzukommen. Absolute Schönheit hier! “Gut gemacht, lieber Gott! Nicht dass du von mir eine Bestätigung nötig hast!”

Morgen geht es endlich wieder um die Kinder! Die vermisse ich nämlich schon!

Fazit: Jeder sollte ein fremdes Land besuchen und das eben nicht als Tourist! Ich gönne jedem die Abenteuer und die Schönheit aber auch einen Blick in die Not der Menschen, die ich gerade erleben darf!


Sonntag, 16. März
Gottesdienst im Slum, Mittag im Nobelrestaurant – wie geht das?

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Endlich ausschlafen. Frühstück fängt heute erst um 9:00 an. Wie jeden Sonntag teilen wir uns auf zwei Teams auf. Mein Team ist für den Gottesdienst in einer kleinen Kirche in Kisugu verantwortlich. Wieder laufen wir durch einen Slum, durch Hinterhöfe, vorbei an unzähligen Kindern.

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Angeblich sollen 85% der Menschen in Uganda einigermaßen regelmäßig in den Gottesdienst gehen. Es gibt in dieser 6 Millionenstadt ein Kino und heute sind die Gottesdienste die Attraktion. Wir werden also von knapp 20 schüchternen aber erwartungsvollen Erwachsenen und etlichen Kindern begrüßt. Wir haben uns gerade hingesetzt und schon hat fast jeder von uns Montungus (Weiße) ein Kind auf dem Schoß. Es macht den Kids unheimlich viel Spaß unsere weiße Haut und die Haare an unseren Armen anzufassen.

Die Gemeinde in Kisugu ist ganz neu und deswegen, so sagte man uns, ist unser Besuch hier so wichtig. Man erzählt mir, dass man Schwierigkeiten hatte hier für mich einen Übersetzer aufzutreiben, der mein Englisch einigermaßen Sinngetreu rüberbringt. Na super!

Das Programm ist typisch afrikanisch. Immer wieder Freudenschreie der Frauen (hört sich ein bisschen wie ein Wolfsschrei an), Gebete, Zeugnisse über Wunder die Gott getan hat, jeder Besucher muss sich einzeln vorstellen und wird laut beklatscht und, wie immer, zwei Kollekten.

Als wir anfangen zu singen, ist von der angeblichen Sprachschwierigkeit und Schüchternheit nichts mehr zu spüren. Das Singen mit Afrikanern versaut mir echt das Worshipleiten im Westen. Nach ein paar Minuten springen und tanzen wir alle über die Bänke.

Ein Gottesdienstelement, dass ich noch nicht kannte, ist das “Marschieren für den Herrn”, wo wir wie Soldaten gemeinsam durch die Kirche stampfen. Von meinem Jesusverständnis eher grenzwertig, war aber lustig.

Ich habe in Deutschland und Kanada schon häufig über soziale Gerechtigkeit, über Jesus’ Leidenschaft für Gottes neue Welt gepredigt. Wenn du hier über eine Welt redest, wo Schwache nie wieder unterdrückt werden, wo Väter ihre Familien nie wieder verlassen, wo Frauen und Kinder geehrt werden, wo Schönheit kreiert wird – hier haben diese Worte eine viel tiefere Bedeutung und man spürt die Hoffnung im Raum.

Der Gottesdienst endet mit Geschenken für die Kinder, vielen Umarmungen, allen möglichen Dankesworten und dann wieder ab in den Kleinbus.

Stilbruch!

Mittag im Nobelrestaurant

Mittag ist heute in einer reichen Mall, wo fast nur reiche Inder und Weiße rumlaufen und von Schwarzen bedient werden. Wir essen richtig gut in einem Indischen Restaurant und das Gefühl innerhalb von 20 Minuten direkt aus den Slums hier gelandet zu sein, kann ich nicht richtig beschreiben. Gerade noch habe ich mich wie ein gütiger Sozialarbeiter gefühlt, weil wir ein paar Gummibärchen verteilt haben..???

Frage des 9. Tages: Was würde ich anders machen, wenn ich für eine längere Zeit in den Slums leben müsste und nicht zurück könnte in meine komfortable Welt? Wären mir Fragen wie Müllbeseitigung oder persönliche Hygiene dann noch wichtig?

Morgen geht es auf Safari!


Samstag, 15. März
Jetzt ist auch noch der Hintern weich

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Wir haben heute 14 Stunden gesessen. Knapp 5 Stunden Fahrt nach Kabwangasi, ein kleines Dorf in der Pampa, vorbei an kleinen Hütten, über Schlaglöcher, in denen man kleine Häuser verstecken könnte.

Eine Lehrerin der Naomi Froese Schule verlobt sich dort. Die sogenannte “Introduction” ist hier weitaus wichtiger, als die eigentliche Hochzeit. Die Idee ist, dass sich die Brautfamilie und die Familie des Bräutigams zum ersten Mal kennenlernen; zwei “Komiker” führen durch das Programm und erklären, wie gut ihre Familie ist und warum sie ehrenwerter als die andere Gruppe sein muss. Traditionell versucht man so den Brautpreis zu drücken oder anzuheben.

Für uns, die Ehrengäste der Braut, ist das alles nur schwer verständlich, weil alles in der jeweils traditionellen Stammessprache passieren muss. Als Ausgleich und Rücksicht auf uns hat man die Veranstaltung auf knapp 5 Stunden verkürzt.

Immer die Regeln bedenken. In der Nase bohren ist o.k., Beine kreuzen voll unhöflich. Wem das unwesentlich erscheint, sollte es selber mal probieren fünf Stunden lang ungekreuzt auf einem Plastikstuhl zu sitzen.

Da ich diesmal ein hellblaues, weißgepunktetes Sakko über meinem traditionellen weißen Kleid trage, werde ich weder mit Jesus verwechselt, noch gelingt es mir Wasser in Wein zu verwandeln.

Hier ein paar Zitate aus den “Tipps für eine erfolgreiche Ehe”-Reden:

  1. Die Frau sollte den Ehemann immer wie einen Sohn behandeln, der Mann die Ehefrau, wie eine Mutter! (Wie die Familien hier so auf fast zweistellige Kinderscharen kommen, ist mir ein Rätsel)
  2. Die USA und Westgermany sind die Superweltmächte aber eine neue Familie ist noch mächtiger. Der Bräutigam ist nun Präsident und die Braut die Vize-Präsidentin! (Dafür, dass die Frauen hier ständig vor dem Mann knien müssen, ist das schon ein gewaltiger Aufstieg. Den Mauerfall haben wir uns nicht getraut anzusprechen, weil die ersten beiden Reden von einem Bullen von Mann kam, der mindestens 130 Kilo auf die Wage gebracht haben muss.)
  3. Wenn du eine Ziege schenkst, hast du nur kurz etwas zu essen; wenn du viele Kinder machst, hast du für immer reichlich zu essen! (Keine Ahnung, was das aussagen soll. Wir haben hier zum Glück noch keine Anzeichen von Kannibalismus mitbekommen!)

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Wie gesagt, wir haben uns nicht getraut mit dem großen Mann zu argumentieren!

Als Geschenke gab es diesmal Truthähne, Hühnchen, eine Ziege, die weggeführt wurde, als sie anfing die anderen Geschenke zu essen, und eine Kuh.

Irgendwann gab es endlich auch für uns etwas zu essen. Reis und Bananenmuß mit der Hand zu essen ist übrigens voll schwer. Zum Glück war ich nicht höflich und habe vorher in der Nase gebohrt.

Nach einem kurzen Schwatz mit unseren Freunden aus der Schule und den obligatorischen Bildern in unseren Kleidern ging es dann für vier Stunden zurück in den Bus. Kurz vor eins lagen die meisten im Bett, einige sollen auf dem Bauch geschlafen haben.

Frage des 8. Tages: Ich weiß, dass “Mutter/Sohn” und “Präsident/Vizepräsident einer Supermacht” nicht so richtig taugen, als Ehepaarvergleiche. Welches Bild würde passen?


Freitag, 14. März
Am liebsten hätte er aus Steinen Brot gemacht

Nach einer viel zu kurzen Nacht, abends mit Tim, Colleen (den Missionaren vor Ort) und Siegfried verquatscht, dann, nach zwei Stunden Schlaf, prasselt der Regen auf unser Blechdach und an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

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Unser Job heute ist es, riesige Sandberge zu verteilen, damit auf dem Grundstück der Schule Lehrerschlafräume entstehen können. Bei Mittag bin ich so geplättet, dass ich mich kaum noch auf dem Stuhl halten kann.

Am Nachmittag geht es dann besser und ich hab noch eine super Einheit mit der 6. Und 7. Klasse. Ich habe gestern jeweils eine Kopie von den ungefähr 10 Liedern mitgebracht und inzwischen kann absolut jeder die Texte der Lieder mit brüllen und das Tanzen und Klatschen ist hier ja sowieso kein Problem… außer wenn die Schüler versuchen meine Tanzbewegungen nachzumachen. Wir haben inzwischen eine Rockstarroutine ausgearbeitet, wo die Kids Luftgitarre spielen, komplett mit abschließendem rotieren des rechten Arms und gewaltigem Luftsprung.

Außerdem gab es wie immer die obligatorische Geschichte, wie Gottes neue Welt aussehen könnte, witzige Spielchen und natürlich “Sweeties”.

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Die fürchterlich nutzlose Frage “Warum greift Gott nicht aggressiver ein?” geht einem hier nie aus dem Kopf. Mir hilft eine Geschichte aus der Jesusbiographie von Matthäus: Jesus geht 40 Tage lang in die Wüste, um zu fasten und sich auf drei harte Jahre vorzubereiten. Irgendwie kommen ihm einige ganz harte Versuchungen in den Sinn. Unter anderem das Verlangen aus den rumliegenden Steinen Brot zu machen.

Ich habe die Versuchung immer als Verlangen verstanden die eigene Macht egoistisch zu missbrauchen.

Vor meiner Ugandareise hab ich “Ich muss verrückt sein, so zu leben” von Shane Clayborne gelesen, der fragt, ob man die Geschichte nicht dahingehend verstehen könnte, dass Jesus von der Armut, vom Hunger seiner Zeit so überwältigt war, dass er versucht war, es an dem Tag ein für alle mal zu beenden. Der Plan Gottes ist es aber, dass wir Menschen es lernen müssen aufeinander zu achten, den Schwächeren zu unterstützen und aufhören hauptsächlich an uns selbst zu denken.

Keine Ahnung, ob das stimmt aber der Gedanke hilft!

Frage des 7. Tages: In Anbetracht von dem was ich hier erlebe, wäre es besser gewesen, wenn Jesus an dem Tag in der Wüste, der “Brot aus Steinen”-Versuchung erlegen wäre?


Donnerstag, 13. März
Noel

Heute Morgen durfte ich eine Gruppe von Vorschülern besuchen, die alle gemeinsam haben, dass ihre Mütter AIDS haben und die Väter abgehauen sind. Das scheint hier normal zu sein, wird mir erzählt; Männer würden AIDS nie zugeben, die Frauen bleiben allein.

Mein Freund Siegfried und ich saßen also 2 Stunden lang mit den 20 kleinen Kindern zusammen, bliesen Seifenblasen, mit Kuscheltieren, sangen und kuschelten mit den Kids.

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Eine ganz anhängliche war die kleine 5-jährige Noel. Ihr Lieblingszitat “This is mine!”

Noels Mama arbeitet, trotz ihrer Krankheit als Prostituierte und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Noel in wenigen Jahren auch dazu gezwungen wird. Wir waren total froh, weil jemand ihre Partnerschaft übernommen hat und Essen und Ausbildung an der Schule damit gesichert sind. Aber selbst das garantiert nicht, dass Noel, bei Wochenendbesuchen zuhause nicht ausgenutzt wird mit der Konsequenz, dann bald selbst infiziert zu sein. Denn Geld ist immer knapp, wie wir am Nachmittag bei Besuchen im Dorf mitbekommen haben.

Das Kinderhilfswerk hat ein Programm (TAPP), das sich um Aidsinfizierte Frauen kümmert. Sie zusammenbringt, sich um Essen, Medizin usw. kümmert.

Mit Nora, der Leiterin, haben wir heute drei Frauen und ihre Kinder besucht. Alle drei Frauen leben mit bis zu sieben Kindern in dunklen Zimmern, die alle kleiner sind als unser kleinstes Kellerloch. Die Miete dafür kostet im Schnitt 20000 Schilling, etwa 8 Euro. Eine der Mütter, schwer Aidskrank, hatte einen richtigen Knochenjob, große Steine kleinschlagen. Der Tageslohn: 1000 Schilling.

Eine Tochter, die selbst den HIV Virus trägt, sagte mutig ein Gedicht über Aids auf. Wir haben Geschenke dagelassen, einige haben geweint und es war schwer danach direkt mit lustigen Liedern beim Musikunterricht in der Schule weiterzumachen. Die Kinder dieser Familien, die hier zur Schule gehen, sind dann wieder einige der fröhlichsten Menschen, die mir je begegnet sind. “Please, please, let us sing HELP ME LIFT HIM UP again!”

Frage des 6. Tages: Wo gibt es Gerechtigkeit für kleine Mädchen, wie Noel?


Mittwoch, 12. März

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Wieder ein ganz normaler Arbeitstag an der Amy Froese Schule. Nach dem Frühstück, für den Fruchtsalat hier lohnt es sich alleine mal hierher zu kommen, ab in die Busse, die immer wieder neue Fahrt durch die 6 Millionen Stadt Kampala. Überall Einmann- oder Einfraugeschäfte. Grüne Bananenstauden, Telefonläden (das wäre eine Bude mit einem Handy und für ein paar Schilling lässt der Besitzer es dich benutzen), Sofas stehen zum Verkauf auf der Straße, im Bus entsteht mal wieder die Diskussion, wie die Dinger in die kleinen Baracken passen sollen, in denen die meisten Menschen hier leben. Irgendwo grillt einer, viel Müll liegt rum und wie immer, morgens oder abends herrscht viel Aktivität.

Sobald wir vom schwerkranken, nicht gerade Angsteinflößenden Torhüter auf das Schulgelände gelassen werden, sind wir wieder umringt von Kindern. Da sind die 5-jährigen Drillinge Marvin, Mike und Micah, mit den Zylinderförmigen Köpfen, die alle absolut gleich aussehen. Ich glaube Marvin ist der lauteste, der mich immer ärgern kommt aber vielleicht legen die Jungs mich auch rein und wechseln ständig die T-shirts.

Marvin und seine lustigen Brüder sind Teil der ungefähr 30 Schüler, die direkt in der Schule schlafen, in dreier Betten, übereinander, auf Matratzen, die wir nie für unsere Kinder benutzen würden.

Mein Job heute morgen ist es Sand und Steine zu unseren Handwerkern hochzubringen, die damit gerade ein Gebäude hochziehen. Wir haben eine Handvoll Leute dabei, Niko, Walter & Co, die wirklich wissen, was sie tun, sich aber von den Umständen und Arbeitsverhältnissen nie aus der Ruhe bringen lassen. Heute als gebaut werden soll, hat z.B. jemand den Mörtelmischerbetreiber nach Hause geschickt und ohne den dürfen wir nicht mischen. Eine Stunde später haben sie ihn aber von irgendwo aufgetrieben und es geht los.

Mein Job ist einfacher: Schubkarre füllen, den Berg hoch fahren ohne kleine Kinder zu überfahren, abladen, fünf Kinder einsteigen lassen (wie gesagt, Uganda Regel #8: Auch wenn es heiß ist, immer mit möglichst vielen eng zusammensitzen), und den Berg runter rasen. Die Kinder sind unermüdlich und finden es witzig, wenn sie mir die Karre besonders voll füllen. Hab ich schon geschrieben, dass es wir hier locker 50 Grad haben?

Nach zwei Stunden verstecke ich mich erst mal in der 6. Klasse. Als ich den Raum betrete stehen alle Kinder auf und begrüßen mich höflich. Das wäre in Deutschland bestimmt ähnlich gewesen! Samuel teilt einen halben Afrikanischen Pfannkuchen mit mir, es ist verhältnismäßig kühl, in dem offenen, kleinen Backsteinraum und ich entschließe mich hier erstmal länger in meinem “Versteck” zu bleiben. Die Kinder fragen, ob ich heute wieder Unterricht und Musik mit ihnen mache. Eigentlich wollte ich heute mal einen ganzen Tag körperlich arbeiten aber wenn die Kunst ruft, muss man sie wohl beantworten.

Also gehe ich noch für eine Stunde Steine schleppen und am Nachmittag darf ich wieder zwei Einheiten unterrichten.

Nach dem Unterricht unterhalte ich mich mit Steven, der von unserem Team immer als der “autoritäre Lehrer” beschrieben wird. Er erzählt mir von Afrikas Problemen, von einer ganzen Generation, die durch AIDS ausgelöscht worden ist. Von einer Hierarchie wo Frauen wenig gelten. Frauen haben hier Angst älter zu werden, Männer haben Angst vor der Armut! Einiges ist auf allen Kontinenten ähnlich! Männer hier geben nur selten zu, wenn sie mit AIDS infiziert sind. Eine Frau die mit HIV infiziert ist, wird meistens verlassen.

Ich bewundere Steven, weil er einer der wenigen ist, der sich hier traut mit den Kindern über AIDS, Sexualität und Rollenverständnis zu sprechen. Als ich ihm erzähle, dass ich das Thema auch manchmal in Deutschland unterrichte, leuchten seine Augen und er lädt mich ein in den nächsten Tagen mit seinen Schülern über Sex zu reden. Ich sage zu aber nur unter der Voraussetzung, dass er es mit mir zusammen macht und mir vorher genau erklärt, was hier kulturell passt und was nicht.

Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder beim Beinekreuzen ertappt und will mir gar nicht ausmahlen, was man bei diesem Thema alles kulturell falsch machen kann.

Fazit des 5. Tages: Wahrheit macht frei und es ist immer noch ein Platz frei auf der kleinsten Schubkarre!


Dienstag, 11 März
Warum meine Finger und mein Herz immer weicher werden

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Heute hatte ich die Chance in den Pausen, zwischen Musikunterricht, Spielen mit den Kids, Swieetsssssssss verteilen usw. einige der Leiter und Lehrer hier an der Schule nach ihren Geschichten auszufragen.

Colleen Stevenson ist Missionarin hier und mitverantwortlich für unzählige Hilfswerke, Schule, Aidsprogramme und Kirchen überall in Uganda. Trotzdem, so wird mir von der Direktorin der May Froese Schule erzählt, kennt Colleen weit über 1000 Kinder mit Namen, ihre Situation und ist immer bereit den richtigen Sponsor mit dem richtigen Kind zusammenzubringen.

Wie schaffst du es, dass du bei all dem Elend, das du mitbekommst immer noch so ein weiches Herz hast?” frage ich sie.

Das muss von Gott kommen, sonst geht das gar nicht! Ich kann einfach nicht anders!”

Gibt es auch etwas, dass dich total wütend macht?!”

Und dann erzählt Colleen die Geschichte von einer jungen Frau, mit drei kleinen Kindern, die von ihrem Mann Aids bekommt, dann sitzen gelassen wird und schwer krank Unterwäsche verkauft, um irgendwie ihre Kinder am Leben zu halten. Irgendwann kommt sie in Kontakt mit dem Kinderhilfswerkteam, bekommt Unterstützung, Medikamente und es geht ihr verhältnismäßig gut. Irgendwann ist ihr Mann wieder da, er kann es nicht ab, dass es ihr besser geht als ihm. Er vergewaltigt sie, sie wird schwanger und alle Hilfe scheint umsonst.

Da möchte man manchmal fast aufgeben! Aber was gibt es denn besseres, als ab und zu ein Leben zu retten!

Mein neuer Freund Joseph, der Gitarrenspieler, erzählt mir von seiner Arbeit als Lehrer. Ich frage nach seinem typischen Arbeitstag. Die Lehrer treffen sich morgens um 6:00 zur Besprechung, Schule beginnt um 8:00 und geht für die größeren Kinder bis 17:00 Uhr. Danach bleiben Joseph und viele andere Lehrer bis 22:00 Uhr, weil viele Kinder, meistens Aidswaisen, auf dem Schulgelände leben. Er spielt, singt, schreibt mit einigen Kindern eigene Lieder, die sie mir zusammen beibringen. Dann bringt er die Schüler ins Bett: immer 8 bis 10 Kinder in einem Raum, der wesentlich kleiner ist als jedes der Zimmer meiner Kinder. Um 22:00 Uhr geht Joseph dann, im Dunkeln nach Hause. Elektrizität gibt es hier nicht, wo er oft noch Unterricht vorbereitet.

Ich frage ihn, ob er Familie hat. “Ja, Frau und zwei Kinder. Die vermissen mich sehr und ich vermisse sie. Sie wohnen in einem anderen Dorf, also sehen wir uns sehr selten.”

Und ja, alle Lehrer würden diese Arbeit auch ohne Geld machen. “Wenn wir es nicht machen, wo sollen die Kinder denn dann hin?”

Hier ist die Community, die Gemeinschaft eben wichtiger, als individuelle Träume, sogar als die eigene Familie, die ja versorgt ist und ihn nicht ganz so viel braucht wie diese Kinder.

Als ich Joseph umarme und ihm sage, dass er ein ganz besonderer Mensch ist, lächelt er nur, “Gott ist gut!” Und bei ihm ist dies keine fromme Phrase.

Fazit des 4. Tages: Meine Finger werden weich vom täglichen, stundenlangen Gitarre spielen, mein Herz von diesen Geschichten!


Montag, 10.März
Andere Sitten

Heute gab es die Einführung

Hier ein paar neue Regeln, die ich in den nächsten drei Wochen ausleben darf!

  • Zeit ist uninteressant
  • Es ist erwartet, dass du deine Geschichte erzählst! Dafür ist immer Zeit da!
  • Männer die lange Händchen halten sind nett, nicht schwul!
  • Männer die ihre Beine übereinander schlagen sind unhöflich; in der Nase popeln ist o.k.!
  • Eine schöne Oberweite ist uninteressant, ein dicker Hintern ist sexy!
  • Knien ist höfflich!
  • Lehne niemals etwas zu Essen ab!
  • Auch wenn es heiß ist, ist es schön so eng wie möglich zusammenzusitzen!
  • Beziehungen sind wichtiger als die Arbeit fertig zu kriegen !
  • Man darf zu Bitten ?nein? sagen! Aber wenn du nickst hast du ein Versprechen gemacht und Versprechen werden nicht gebrochen!
  • Sei vorsichtig, wenn einer deine Adresse will! Das ganze Dorf wird anrufen!

Ein paar Fakten über Uganda

  • 60% sind unter 16 – Kaum etwas ist wichtiger als gute Schulung
  • AIDS ist überall da – Jede Familie in Uganda ist davon betroffen, über 50% der Krankenbehandlung hat mit HIV zu tun

Gegen Mittag sind wir wieder zur Schule gefahren. Ich bin zusammen mit Claudia der Einladung gefolgt, anstelle von Steine schleppen, zwei Stunden lang Musikunterricht zu geben. Man darf manchmal Sachen machen, die man sich nie zu Träumen gewagt hätte.

Inzwischen immer wieder mit Kindern spielen, die sich inzwischen trauen mich anzufassen und mit meinen komischen Haaren zu spielen.

Dann etwas ganz besonderes. Ich bringe gerade einem Jungen ein paar Gitarrengriffe beigebracht, als mir Joseph vorgestellt wird. Meine Schwester Sonja hat ihm vor 2 Jahren in vier Tagen das Gitarre spielen beigebracht. Als Joseph erfährt, dass ich der Bruder bin, geht auf einmal die Post ab. Umarmungen, Tränen, Bilder und wir machen, bis zum Dunkelwerden Musik.

Ganz schnell bildet sich ein Afrikanischer Chor und erst bringe eich ein Lied bei, dann wieder Joseph, und das geht ewig weiter. Mein besonderer Highlight: Jesus, you are the hope of Africa.

Man kann kaum beschreiben, was da gefühlsmäßig abgeht, wenn selbst die 5-jährgen Kinder und ich, als reicher Europäer, das zusammen brüllen.

Irgendwann muss ich leider los, weil der Bus schon am losfahren ist. Wenn du zwei Jahre später weitermachen kannst, wo deine Schwester etwas Wunderschönes angefangen hat, das hat schon etwas!

Fazit des dritten Tages: Jesus is the hope for Africa!


Sonntag, 09.03.
Wie ich mit einer schwarzen Gemeinde Polonäse tanzte und dann im weißen Kleid in eine Hochzeit platze

Nach einem kanadischen Frühstück, Pfannkuchen und Ahornsirup (die Gastgeber unser 20-köpfigen Gruppe, die Stevensons, sind Kanadier) fahren wir, mit einer kleinen Gruppe durch die Slums von Motunga zu einem Einzimmergebäude, werden wieder von einer Horde Kinder begrüßt.

Aids ist hier überall. Es gibt kaum Familien, die nicht betroffen sind. Und das total schöne. Fast jede junge Familie in dieser kleinen Kirche hat immer ein paar dieser Aidswaisen als Kinder angenommen!

Wieder das Ritual im Gottesdienst. Alle Gäste werden einzeln vorgestellt und gebeten, ihre Geschichte zu erzählen.

Dann wird mein Traum war, ich darf mit einer Afrikanischen Gemeinde und ganz vielen Kindern “When I think about his goodness” singen und dabei wird natürlich die Polonäse getanzt. Irre!

Nach dem Gottesdienst geht es zu einer Verlobungsfeier auf der u.a. auch der Brautpreis festgelegt wird. Unsere Braut war zwei Kühe wert. Eine Sitte, die die ugandischen Kirchen zu brechen versuchen, um ein Statement zu setzten, dass Frauen kein Besitz sind.

Die Sitte befiehlt, dass alle Männer ein weißes Kleid unter der Anzugsjacke tragen. Mit meinen langen Haaren sehe ich also von hinten aus wie eine deutsche Braut. Bei den Ugandanesen kommt das aber voll gut an, weil ein paar mich tatsächlich mit Jesus verwechseln.

Wir wechseln also an einer Tankstelle die Klamotten, was ungefähr 2 Stunden dauert. Auf die Frage, wie lange denn die Verlobung ungefähr dauern wird, bekomme ich einen Vortrag, dass Zeit hier keine Rolle spielt und ich meine Uhr für die nächsten drei Wochen wegstecken soll. Meine Frau würde es hier lieben.

Die Verlobung bestand im Prinzip aus Standup Comedy, Modeschauen, Geschenken und die Frauen mussten ständig knien, während wir Männer gesessen haben. Das ganze dauerte dann ungefähr sechs Stunden (obwohl ich ja keine Uhr mehr habe) und dann gab es eine riesen Szene, weil wir Gäste losmussten, was unhöflich ist.

Fazit des zweiten Tages: Wir dürfen die Zeit kontrollieren, sie ist ein Geschenk! Andersrum ist doof!


Samstag, 08.03.
50 Koffer nach Uganda

Nach fast genau 24 Stunden Bahn, Flugzeug, Busreise haben wir unser Ziel in Uganda erreicht. Party in der Naomi Froese Elementary School. Die Schule ist gerade zehn Jahre alt geworden, überall Kinder, als wir aus dem Bus steigen. Wir sind natürlich die Ehrengäste, wie fast überall, wo wir hier hinkommen. Jetzt gibt es ganz viele Lieder (Alter, können die tanzen!). Witzig, dass fast alle Kids (es gibt hier immer einen Vorsänger, mit Backupchor) die Mikrofone wie amerikanische Rapper halten (Global Village).

Essen ist cool! Erst werden uns die Hände gewaschen, dann gibt es gekochte Bananen, Obst (das angeblich gefährlich ist, weil es andere Keime hat, als die zuhause), Hühnchen (ich passe, weil meine Schwester Sonja mich gewarnt hat), Reis usw. Wir kriegen Gabeln, alle anderen essen mit der Hand. Das Händewaschen hatte also keine übertragende, symbolische Bedeutung. Ich lerne die Kultur!

Danach ganz viele Reden. Die Afrikaner stehen auf Rituale, sind dankbar für die Schule und fast jeder der locker 500 Leute, die hier rumsitzen wird vorgestellt. Ein besonderer Höhepunkt ist, das Überreichen von einem Keyboard, der Segeberger Gitarren und einem Haufen Fußbällen; jetzt kommt Stimmung auf.

Mein Highlight sind die vielen Kinder. Gleichzeitig total lebendig, fröhlich, diszipliniert. Einfach schön!

Nach späten Sandwiches, Moskitonetzen aufhängen, Ohrstöpsel ausprobieren, falls einer meiner fünf Zimmerkollegen schnarcht, falle ich knapp 35 Stunden nach dem Aufstehen in ein voll schönes Koma!

Fazit des ersten Tages: Wähle bei langen Flügen niemals einen Mittelplatz zwischen zwei Fremden!


Drei Gründe warum ich nach Uganda fahre, um mit 20 anderen Deutschen eine Schule weiter aufzubauen

1) Ich will nicht immer nur über soziale Gerechtigkeit reden, sondern endlich was tun!

2) Ich wünsche mir einen Partner (ein Dorf, ein Projekt, eine Kirche) für unsere Gemeinde, wo wir zusammen aktiv mithelfen können, dass ein Ort mit der Zeit mehr Gottes neue Welt erlebt

3) Mein Sohn, Lukas betet mit mir fast jeden Abend, weil er endlich mal Gott sehen will. Will ich auch und Jesus hat mal gesagt, dass wir ihn gerade in den Armen und Unterdrückten wiedererkennen können. Ich hoffe hier also Gott zu finden.